Quentin Tarantino gegen die Nazis - Buchkritik

From The Quentin Tarantino Archives

Jump to: navigation, search
Basterdsbookger.jpg

Quentin Tarantino gegen die Nazis - Alles über Inglourious Basterds (Georg Seeßlen)

Buchkritik von Sebastian Haselbeck

George Seeßlen ist ein mit-Autor des wohl Tarantino Standardwerks (deutscher Sprache wohlgemerkt), das schon mehrere Neuauflagen hinter sich hat, und im Moment vergriffen ist. Mit "QT gegen die Nazis" wagt er einen Taschenbuch-Rundumschlag. "Alles über Inglourious Basterds" verspricht das Büchlein, das fast zeitgleich mit dem Film in die deutschen Kinos kommt. Quentin Tarantinos lange erwartetes Werk das im Zweiten Weltkrieg spielt (aber nicht von ihm handelt), ist wie alle anderen Filme Tarantinos, eine Schatzgrube für Filmkenner. Seeßlen beginnt sein Buch mit einer langen Erklärung, was mit dem 2. Weltkriegs Film allgemein falsch ist, und wo Inglourious Basterds ins Spiel kommt. "Ein heftiges Rumoren" nennt er den Film, ein "verfilmtes Gespräch über Kino-Klischees und ihre Wirkungen, gelegentlich auch über das Kino selber und das, was es abbilden kann. Nicht mehr. Und eben auch auch nicht weniger."

In seinem ersten Kapitel widmet sich der Autor teils Tarantinos Hintergrund sowie der Entwicklung des Films und den Einflüssen. Die zum Teil sehr tiefgründigen und smarten Analysen und Verknüpfungen machen einen guten Eindruck, aber schon hier muss man als Tarantino Kenner feststellen dass es sich um eine sehr hastige und nicht ausreichend fundiertes Resumee der Basterds Historie handelt. Da verlaufen einige Argumente etwas im Sand, es wird erwähnt dass Tarantino von Morricone als Komponist ausging (was Tarantino unter anderem in einem Interview mit mir korrigiert hat) oder von mehreren Ländern als Drehort gesprochen, wo doch außer 2 Tagen nur in Deutschland gedreht wurde. Auch springt der Autor dann relativ schnell von den 90ern nach Cannes diesen Jahres, da geht jede Menge wichtige Entstehungsgeschichte verloren.

Als sich Seeßlen an die chronologische Analyse des Films macht, springt einem leider schon nach der zweiten Seite schon wieder ein Fehler ins Auge, diesmal Morricone, The Alamo und Beethoven durcheinander gebracht, etwas ordentlicher recherchiert oder den Film noch einmal zu sehen hätte das eventuell verhindern können. So hat man mit der Lektüre des Buches noch nicht einmal richtig begonnen und all die aufmerksamen Beobachtungen zum Film werden von solchen Schlampigkeiten überschattet. Das mag einem Großteil der Leser nicht auffallen, aber falsch ist nun einmal falsch. Bei dem winzigen Quellenverzeichnis mutet es zusätzlich frech an. Was folgt ist dann eine ganz deskriptive Beschreibung des zweiten Filmkapitels. Der Film wird hier chronologisch beschrieben, und die Rückblende zu Stiglitz sowie das Spiel mit title-cards, Samuel Jackon's voice-over oder die Synchronstimme von Harvey Keitel bei Hitlers Intercom, das alles fehlt. Bei der Beschreibung des nächsten Kapitels glänzt der Autor zwar mit Filmkenntnis, verwechselt aber dann Russen mit Amerikanern. Einmal mehr fragt man sich ob das Korrekturlesen entfallen ist, wegen dem nahenden Redaktionsschluss. Der Rest des Kapitels wird aber recht koherent zusammengefasst, wobei Seeßlen mit Analogien und Filmreferenzen glänzt, aber auf den zu dem Zeitpunkt schon bedrohlichen August Diehl kaum eingeht. Das Kapitel zu Operation Kino schließlich ist eines der Glanzstücke, hier fährt Seeßlen alles auf was er an (Film)historischem Wissen hat, nur gegen Ende scheitert er wieder und verwechselt plötzlich - so scheint es - Drehbuch und Film, als er den Ausgang der Kneipenschießerei falsch wiedergibt. Es verwundert auch wieso hier nicht mehr Kontext geboten wird, schließlich betont sogar Tarantino selbst in vielen Interviews was es mit der Kneipenszene auf sich hat und was für einen Ruf diese schon während des Drehs genossen hatte. Somit ergibt sich bei der Analyse dieses Filmkapitels ein sehr unausgewogenes Bild. Seeßlen breitet über mehrere Seiten sein Filmwissen aus deutschem und amerikanischen Hintergrund aus, vergisst aber dann quasi fast den Film selbst. Was Kapitel 5 (des Films) anbelangt, so folgt auch hier eine recht minutiöse Schilderung des - man kann fast sagen Tathergangs, erneut etwas durchsetzt von Stellen bei denen man sich als Leser zum Beispiel fragt "Russen?" Auch scheint der Autor nicht die Kinofassung gesehen zu haben. Der Film zeigt die Basterds wie sie Hitler und Co mit Kugeln zersieben, Wild in die Menge schiessen, Seesslen redet von einer Bombe. Im folgenden Analyseteil unterstellt er Tarantino einen Erzählstil der "Großen Ideen und ziemlich kleinen Macken" was böse gesagt auch auf dieses Buch zuträfe. Die Filmreferenz Analyse dieses Teils ist dann auch die enttäuschendste des Buches. Wo wird zum Beispiel der Soundtrack erwähnt?

In "Auflösung der Frontlinien" schließlich versucht der Autor nochmal, den Film genauer in seine Referenzen zu analysieren, nach der kapitel für Kapitel Beschreibung. Die Einteilung in Unterkapitel hier ist jedoch sehr inkohärent und kaum nachvollziehbar. So würde es mehr sinn machen neben 3 kapiteln zu Kriegsfilmen eben eines dazu, eines zum Italowestern und eines zum deutschen Film zu machen, nur als Beispiel. Prinzipiell macht Seeßlen hier gute Arbeit, er umreißt das Dirty War Movie Genre, beschreibt die Entwicklung des italienischen B-Kriegsfilms und geht am Ende näher auf Castellaris Panzerzug ein. Dabei merkt man wieder mal das der Autor mehr Ahnung von Filmgeschichte hat als Lust, die Verbindung zu Tarantinos Film zu machen, so bleiben die drei Kapitel nette und gut geschriebene Dreingaben, aber die für den Tarantino Fan interessanten Verknüpfungen bleibt der Autor schuldig.

Im vorletzten Kapitel, und wieder einmal beißen sich Seeßlens “skills” als Filmkritiker mit der Schlampigkeit seiner Recherche, fuehrt der Autor alle Faeden zusammen, löst den Film aus seiner Sicht auf, setzt ihn in die Filmhistorische Perspektive, erläutert was der Film anders macht, warum es gut ist, wo es herkommt. Ein richtig toll geschriebenes vorletztes Kapitel zeigt, wie gut man den Film quasi-akademisch ausleuchten kann, einordnen kann und interpretieren kann. Warum der Autor dann an zwei Stellen die Amerikaner wieder zu Russen macht ist nicht nachzuvollziehen, sind es doch US Soldaten die Zollers Turm Stürmen, ist es doch ein US Kommandeur, der sich weigert die Kirche bombardieren zu lassen (übrigens ein Detail dass einem im Film leicht entgeht und nur im Drehbuch, oder auf den DVD Extras, besser einsehbar ist. Seeßlen kennt das Drehbuch definitiv besser als den Film selbst) und sind es auch Italienische Passanten und Werbeschilder im Hintergrund. Somit bleibt der Blick getrübt, es vermischen sich gekonnte “conclusions” mit oberflächlicher Beschäftigung mit dem Film selbst. Am Ende versucht sich Seeßlen an einer conclusion, mit der er zwar absolut Recht hat, aber ich bin mir nicht sicher ob es hätte sein müssen, ein echtes Naziblatt zu zitieren und anzunehmen, mit noch ein paar Filmen dieser Art würde man an Boden gewinnen gegenüber dem braunen Dreck. Das ist es schließlich, was der Film ausgerechnet nicht sein will: Ein Guido Knopp für die Leinwand. Und somit wundert es doch, wieso der Autor nach nicht ganz 200 Seiten Belehrung genau darüber wieder bei so einer Aussage bleibt.


Im Grunde ist das Buch eine sehr stark breitgetretene Filmkritik, die nicht weiß ob sie belehrend, lehrend oder beschreibend sein soll, die nicht tiefgründig und ordentlich genug recherchiert ist um den Titel "Alles über Inglourious Basterds" zu tragen, und zum Teil zu sehr auf Aspekte eingeht, die Fans des Films wohl gar nicht interessieren, während für Tarantino Fans wirklich interessantes Insiderwissen schneller ergoogelt ist als das man es durch diese Lektüre erfahren könnte. Seeßlen gelingt der Spagat nicht zwischen intellektueller Filmkritik und gutem Making-of Buch, da hätte er sich bei D.K. Holm noch eine Scheibe abschneiden können - oder noch ein paar Wochen und Monate mit Überarbeitungen verwenden sollen. Zu warten bis die DVD erscheint um den Film genauer unter die Lupe nehmen zu können ist sicher auch ein guter Tip für die Zukunft. Somit bleibt unterm Strich ein bitterer Nachgeschmack und eine Kaufempfehlung unter Vorbehalt.

--Sebastian 13:03, 17 January 2010 (UTC)

Das Buch wurde uns vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Personal tools